Mobbing im Hühnerstall

Beobachtungen eines Rechtsanwalts

Mobbing begegnet uns leider fast täglich in der einen oder anderen Form. Anhand von verschiedenen Beispielen möchten wir Ihnen auf dieser Webseite Ideen an die Hand geben, wie man spielerisch mit Mobbing umgehen kann. Wer hinter seinen Gefühlen und Gedanken einen Moment zurücktreten und die Situation mit Distanz betrachten kann, hat den Vorteil, heil aus dem Geschehen um ihn herum wieder herauskommen zu können – und wenn Situationen sich wiederholen, gewappnet zu sein für die nächste. Die erste Geschichte über Mobbing spielt auf dem Ferienhof Susewind und entstammt dem Tierreich. Als Tiere zeigen wir Menschen oft auch kein anderes Verhalten als unsere tierischen Verwandten. Lesen Sie mal, ob Sie sich wiedererkennen und finden Sie heraus, wie Mobbing im Hühnerstall letztendlich erfolgreich ausgerottet wurde:

Erlebnisse auf dem Ferienhof Susewind

Ich fuhr für einige Tage aufs Land zu meinem Freund Max, welcher in der Nähe von Berlin mit seiner Frau und den Kindern Phillip und Anna einen kleinen Ferienhof speziell für Familien mit Kindern unterhielt. Ich suchte Erholung für meine von der Großstadt gestressten Nerven. Auf dem Hof gab es zahlreiche Tiere: Kaninchen, einen jämmerlich schreienden Esel, drei Schafe, mehrere Ziegen (braun), Tauben, zwei Ponys und 12 Hühner, eine edle Rasse namens Italiener sowie
einen stolzen Hahn “Friedericus” mit einem prachtvollen farbigen Federkleid.
Eines der Hühner – Phillip und Anna hatten es Susi getauft – stand abseits am Zaun des Auslaufs. Auf dem Rücken hatte es nackte Stellen, es machte einen verängstigten Eindruck und schon bald bemerkte ich, dass die anderen Hühner ihm die Federn aushackten und es wegscheuchten, wenn es essen wollte. Es war schon deutlich geschwächt.

Das gequälte Huhn

Allein unter Hühnern

Phillip und Anna erzählten, dass Susi erst vor 6 Tagen hinzugekommen war und von den anderen Hühnern ausgesondert und durch Hacken gequält wurde. Sie waren empört, dass Hahn Friedericus als Oberhaupt nicht einschritt und Susi beistand. Sie hatten die Hühner, die besonderes aggressiv auftraten, mit dem Strahl einer Wasserpistole bestrafen wollen, doch ohne Erfolg. Die Hühner betrachteten es als willkommene Dusche in der Sommerhitze. Auch war der Strahl zu schwach, um die Hühner zu beeindrucken. Wenn sie Susi Futter “zusteckten”, eilten auch sofort die anderen Hühner herbei und verscheuchten sie.
Wir entschieden, Susi aus dieser Angst machenden Gruppe herauszunehmen und setzten sie in ein kleines Einzelgehege abseits der anderen. Wir versorgten sie mit erlesenem Futter, Mais, Erbsen, Weizen, gekochten und zerstampften Kartoffeln und kleingehacktem Grünzeug. Susi wurde zutraulich zu uns, flog mit freudigem Gackern herbei und pickte das Futter aus der bereitgehaltenen Schale.

Susi, wie geht es Dir?

Am Sonntag verabschiedete ich mich von Susi, Phillip und Anna und versprach, am Freitag wie derzukommen, auch wenn in Berlin viel Arbeit auf mich wartete.
In der Woche kreisten die Gedanken häufig um Susi. Ich konnte kaum erwarten, zum Ferienhof zurückzukehren. Susi war aufgeblüht. Das ängstliche Ducken war nicht mehr, sie trug den Kopf hoch, das Federkleid bekam Glanz und sie hatte kräftig zugenommen. Sie erkannte mich wieder, glaubte ich.
Uns war klar, dass ein Einzelleben abseits der übrigen Hühnergruppe nicht das Ideal sei und hatten nach längerer Beratung einen Plan:
Wir bestraften die drei besonders aggressiven Hühner und nahmen sie aus der Gruppe – ein schwieriges Unterfangen, aber Phillip und Anna hatten sich die Hühner gemerkt. Sie wurden in einen Stall ohne Auslauf gesteckt. Nun brachten wir Susi zu den übrigen Hühnern, welche das frühere Mobbinggeschehen offensichtlich vergessen hatten und Susi ohne Schikanen aufnahmen. Nur ein Huhn war aggressiv gegen Susi. Wir nahmen es sofort heraus und steckten es
zu den drei Missetätern. Dies hat die verbliebenen Hühner offenbar beeindruckt. Sie hackten Susi nicht mehr beim Fressen weg und man duldete sie auch auf der Hühnerleiter inmitten der anderen Hühner.
Doch was sollte mit den vier Bösewichten geschehen?
Voller Erwartung fuhr ich wieder zum Ferienhof, gespannt auf den Ausgang des Experiments. Susi hatte sich in der Hühnergruppe etabliert und war ein gleichwertiges Mitglied geworden. Die kahlen Stellen auf dem Rücken zeigten bereits einen leichten Flaum. Susi hatte sich auch in der Gruppe gut entwickelt.

Das Experiment

Wir entschieden, dass die vier Aggressoren nach einer Woche versuchsweise zur Hühnergruppe zurückkehren sollten. Voller Erwartung fuhr ich zum Hühnerhof und wird brachten die vier Bösewichter zur Hühnergruppe zurück. Ihr Status hatte sich verändert. Sie waren Fremde in ihrer früheren Gruppe. Gegenüber Susi verhielten sie sich friedlich. Unsere erzieherischen Maßnahmen hatten Wirkung gezeigt: Susi war weiterhin zutraulich zu uns und entwickelte sich prächtig zu einer fleißigen, viele Eier legenden Henne. Und wenn sie nicht gestorben ist, dann legt sie noch heute täglich ein Ei und sonntags auch mal zwei.

Ich wollt ich wär ein Huhn …

Text: Rechtsanwalt Georg Wenning